Die Salaam-Shalom Initiative und Henryk Broders Spareribs

Mit der Salaam-Shalom Initiative wird es glücklicherweise nie langweilig. Wahrscheinlich um uns eine Freude zu machen, schlug also Henryk Broder am gestrigen Sonntagmorgen im Neuköllner Leuchtturm auf, wo die Salaam-Shalom Initiative zu ihrem ersten öffentlichen Brunch eingeladen hatte. Anfänglich wusste ich nicht wer der kleine ältere Herr, der vor mir saß, ist. Mir fiel nur auf, dass sein kariertes Hemd sich definitiv nicht mit mit dem ebenfalls karierten Schal verträgt, den er darüber geschwungen hatte. Und er hatte eine hellblaue Handy-Schutzhülle von meiner Lieblingswochenzeitung Die Welt. Aber gut, dachte ich, man kriegt halt manchmal praktische Werbegeschenke hinterhergeschmissen.

Herr Broder findet Salaam-Shalom natürlich unmöglich, klar. Auch unser Brunch schmeckte ihm nicht, denn: der öffentliche Raum soll ja religiös neutral sein (“eine Errungenschaft der Aufklärung”), und deshalb dürfe da nicht auf Halal- oder Kashrut-Vorschriften Rücksicht genommen werden. Wir hätten Spareribs und Shrimps servieren sollen, da diese den Raum religiös neutral markiert hätten. Man soll das Recht haben, die überall zu essen, auch bei Gesprächsrunden, an denen praktizierende Muslime und Juden teilnehmen. Wir versuchten ihm klar zu machen, dass Spareribs nicht „religiös neutral“ sind, ebenso wenig wie unverschleiertes Haar. Aber nichts da, er war ja eh nicht gekommen um zu diskutieren. Lost case.

Als er rausging, musste er uns noch irgendwie in sein Weltbild quetschen: Es seien ja eh keine richtigen Araber da gewesen – ich übersetze: die anwesenden Muslime sahen irgendwie alle zu normal-westlich aus, neutral möchte man fast sagen. Wir hätten schon wenigstens irgendeinen Vertreter eines Unterkommandos von ISIS auffahren müssen, oder irgendwas authentisches eben. Muslime sind ja schließlich Orientalen, und wenn die so aussehen wie wir, dann sind das keine echten, repräsentativen Muslime. Und die anwesenden Juden? Alles „leidende Israelis“. Das westliche Subjekt leidet und schwächelt, anstatt mit Stolz die Flagge zu hissen.

Ein Problem für Broder bei Salaam-Shalom ist natürlich, dass Muslime nicht dabei sind, um zu zeigen, wie nett und aufgeklärt sie sind, oder wie toll sie Israel finden, oder wie gut sie sich mit Juden vertragen. Und Juden sind (vielleicht ist das für Broder fast das größere Problem) ebenso nicht da, um zu zeigen, wie wahnsinnig anti-religiös, liberal und witzig sie sind. Wir wollen *wirklich* über Diskriminierung und Marginalisierung sprechen: institutionalisiert, oft unbewusst, oft „rational“ argumentierend. Wir wollen nicht ständig definieren, was „wir“ sind, und was „wir“ tolerieren können und wo die Grenzen „unserer“ Toleranz überschritten sind. Das Kopftuch ist für uns nicht etwas, was „wir“ akzeptieren müssen, im Sinne der „Vielfalt“ oder des „bunten Miteinanders“ – wir sind noch schlimmer: Wir denken, dass Muslime – und ausschließlich Muslime – diejenigen sind, die über die muslimische Kopfdeckung überhaupt entscheiden können. Genauso wie nur Juden darüber entscheiden können, ob sie eine Kippa oder einen Tichel oder einen Sheitel aufsetzen. Ob uns die Entscheidung gefällt? Ob sie „nett bunt“ aussieht, oder eher „Sorgen und Ängste“ auslöst, oder die Existenz einer „Parallelgesellschaft“ markiert? Keine Ahnung – aber das ist auch nicht unser Problem. Wir wollen keine Integration, sondern ein Deutschland, in dem man auch als nicht-liberaler, praktizierender Muslim oder Jude leben kann.

Am Ende der Gesprächsrunde im Leuchtturm musste ich mich an das erinnern, was Patrick Bahners ganz am Ende seines Buches „Die Panikmacher“ geschrieben hat.

Im November 1879 erörterte Heinrich von Treitschke, der berühmte Geschichtsprofessor der Berliner Universität, in einem Aufsatz in den nationalliberalen „Preussischen Jahrbüchern“ auch die „leidenschaftliche Bewegung gegen das Judentum“, die durch die Einwanderung von Juden, die an ihrem Religionsgesetz festzuhalten gewillt schienen, die Integration des nationalen Staates im Zeichen der bürgerlichen Rechts gefährdet glaubte. (…) „Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück. (…)

Von „unseren israelitischen Mitbürgern“ forderte Treitschke: „Sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, dass auf die Jahrhunderte germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdische Mischkultur folge.“ Golo Mann hat 1961 angemerkt, dass der Antisemitismus als er auf der Bühne der Geschichte erscheint, zunächst nicht das ist, was wir uns nach Auschwitz unter ihm vorstellen. „Er verlangt nicht Ausschließung sondern völlige Angleichung und Bescheidenheit in der Angleichung; er verlangt Ausschließung nur derer, die sich nicht angleichen wollen“. (…)

Ein Jahr nach Treitschkes Aufsatz zog sein nicht minder berühmter Fakultätskollege Theodor Mommsen ein Resümee der von Treitschke ausgelösten Debatte. „Ohne Zweifel hat Herr von Treitschke diese Woge und diesen Schaum nicht gewollt, und es fällt mir nicht ein, ihn für die einzelnen Folgen seines Auftretens verantwortlich zu machen. Aber die Frage ist dennoch unerlässlich: was hat er gewollt? (…) Herr von Treitschke ist ein redegewaltiger Mann; aber er selbst hat doch wohl kaum geglaubt, dass auf seine Allukation hin die Juden nun, wie er es ausdrückt, sämtliche deutsch werden würden. Und wenn nicht, was dann? (…) Nur so viel ist klar: Jeder Jude deutscher Nationalität hat den Artikel in dem Sinne aufgefasst und auffassen müssen, dass er sie als Mitbürger zweiter Klasse betrachtet, gleichsam als eine allenfalls besserungsfähige Strafkompanie. Das heisst den Bürgerkrieg predigen.“

Nicht wie aus einem Munde, aber immer lauter tönt es heute: der Islam ist das Problem. Was wollen diejenigen, die diese Parole lancieren? Ralph Giordano und Henryk Broder sind redegewaltige Männer. Aber sie haben wohl kaum geglaubt, dass sämtliche Muslime deutscher Nationalität nach der Lektüre von Ayaan Hirsi Ali vom Glauben abfallen würden. Aber wenn nicht – was dann?

(Patrick Bahners, Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift, München: C.H. Beck 2011)

broder II

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized and tagged , , , . Bookmark the permalink.

2 Responses to Die Salaam-Shalom Initiative und Henryk Broders Spareribs

  1. Helena says:

    Ausgezeichneter Text – vielen Dank!

    Eine persönliche Frage möge mir erlaubt sein: Wie reagieren andere Deutsche eigentlich auf Ihr Kopftuch? Stoßen Sie damit auch auf Ablehnung und Feindschaft, wie das bei vielen Musliminnen, die ein Tuch tragen, der Fall ist?

    Viel Erfolg weiterhin!

  2. Normalerweise wird das Kopftuch von Jüdinnen gar nicht als eine religiöse Praxis erkannt. Die meisten Leute denken wahrscheinlich einfach, dass es sich um ein modisches Accessoire handelt.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s