Ein Schiff erreicht Neukölln

Wenn die Äußerungen einer 36-jährigen promovierten Politikwissenschaftlerin an etwas erinnern, was man in den Tagebüchern eines christlichen Missionars um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu finden erwarten würde, dann wissen wir: Wir sind in Deutschland, genauer: in Neukölln.[1] Unsere neue Bezirksbürgermeisterin, Franziska Giffey, ist eine Europäerin, die vor kurzem ihr Biwak irgendwo an der Küstenlinie einer Kolonie aufgeschlagen hat und nun halb erstaunt, halb angewidert auf die Einheimischen blickt.

Das Segelschiff Giffeys erreicht Neukölln. Sie fährt in einer kleinen Jolle an Land, und sofort fällt ihr auf, dass die Gegend nicht mehr so aussieht, wie sie dies noch vor 50 Jahren getan hat. „Wir haben in Neukölln mittlerweile ebenso viele Moscheevereine wie evangelische Kirchengemeinden jeweils 18. Und das ist schon eine starke Komponente, das war vor 50 Jahren nicht annähernd so“.[2] Eine erste Bestandsaufnahme, die den Grundstein für alles weitere legt, und den Verlauf einer kosmischen Front festlegt: Moscheen stehen auf der einen Seite, protestantische Kirchen auf der anderen. Fällt man in die Kategorie „Muslim“, dann gehört man zur Moscheefraktion, fällt man nicht in diese Kategorie, dann gehört man zu den Kirchen. Andere Kategorien wie Ethnie, soziale Schicht, oder Geschlecht liegen außerhalb des Blickes der Betrachterin.

Dem Clash der Gotteshäuser „Moscheen vs. Kirchen“ entspricht ein Clash der Zivilisationen, „Muslime vs. Europäer“. Mit einem tiefen Seufzer stellt Giffey fest, dass man nun nicht abstreiten könne, dass „wir Menschen (haben), die in ihrer eigenen Welt und nach ganz anderen Regeln und Werten leben, als es in Mitteleuropa üblich ist“. Überraschend und beunruhigend: In einer globalisierten Welt teilen sich Menschen unterschiedlichen Glaubens, diverser Praktiken und Erinnerungen, den gleichen urbanen Raum. Und noch komischer: Auch nach ein paar Völkermorden auf dem afrikanischen Kontinent, nach einem Völkermord an europäischen Juden, nach zwei Weltkriegen, nach Zerstörung der gesellschaftlichen Strukturen und wirtschaftlichen Grundlagen der nicht-europäischen Welt, haben unsere Regeln und Werte noch nicht den gesamten Globus erobert!

Giffey legt jedoch Wert darauf, das Bild nicht allzu sehr zu verdunkeln. Es gibt einen Hoffnungsschimmer: „Aber parallel dazu haben wir eben auch noch andere Veränderungstendenzen und zwar im selben Stadtraum. Sicher gibt es die, die verschleiert gehen, Mädchen, die schon in den Grundschulen Kopftuch tragen. Aber es gibt eben auch die Entwicklung, dass ich in der Boddinstraße zunehmend Spanisch, Portugiesisch, Englisch oder Bulgarisch höre. Und wenn Sie den Club Klunkerkranich auf der Dachterrasse der Neukölln Arcaden besuchen, dann werden Sie sehen, dass dort all diese Menschen zusammen sitzen.“ Inmitten der Primitiven gibt es Inseln christlich sozialisierte Europäer! Deren religiöse Identifikation übernimmt Giffey aber selbstverständlich nicht: Europäer entscheiden selber ob das Christentum Bestandteil ihrer Selbstdefinition ist. Nur die anderen werden, ob sie wollen oder nicht und ohne Möglichkeit der Differenzierung, mit dem Islam identifiziert. Das Christentum bleibt transparent und unsichtbar.

Als Sozialdemokratin glaubt Giffey jedoch daran, dass auch die Primitiven eine realistische Chance erhalten sollten: „Ich bin eine Zuwanderin, und da geht es mir wie ganz vielen NeuköllnerInnen. Aber das ist ja kein Grund zu sagen, dass diese Menschen die Stadt nicht mitgestalten können. Ich halte mich an den Spruch: Wichtig ist nicht, woher du kommst, sondern wer du sein willst. Das müssen wir unseren Kindern klarmachen, die in den Schulen immer noch nach deutscher und nichtdeutscher Herkunft eingeteilt werden – was Letzteren ein Defizit unterstellt.“ Giffey erkennt, dass die Einteilung von Schulkindern in Deutsche und Nicht-Deutsche Letztere diskriminiert. Um diese Situation zu ändern, soll das Nicht-Deutsche jedoch nicht wertgeschätzt werden, geschweige denn Bestandteil des Deutschen werden. Das Nicht-Deutsche wird niemals Teil des Deutschen, und soll vergessen und aufgegeben werden. „Wichtig ist nicht, woher du kommst, sondern wer du sein willst“ bedeutet hier: Du musst der sein wollen, den Giffey will: Deine Traditionen, Deine Praktiken, Deine Erinnerungen sind egal. Und Du solltest wirklich dankbar dafür sein, dass Deine Bezirksbürgermeisterin diese als egal einstuft – sie sind nämlich schlecht für Dich: Giffey ist „schockiert” über die Entscheidung des Bundesgerichtshof das pauschale Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen zu lockern: „Was passiert in einer Klasse, wo die Hälfte der muslimischen Mädchen Kopftuch trägt, die andere Hälfte nicht, wenn da eine Lehrerin Kopftuch trägt? Die Mädchen ohne Tuch stehen sowieso schon oft unter sozialem Druck des Umfelds, der Familien. Wir haben hier einen Ort, der heißt Schule, und der steht für Neutralität und Offenheit. Das müssen auch die Menschen, die dort arbeiten, verkörpern. Für mich gibt eine Lehrerin, die mit Kopftuch vor ihrer Klasse steht, ihre Neutralität auf“.

Die historischen und ideologischen Vorraussetzungen und Bedeutungen eines unbedeckten weiblichen Kopfes sind Giffey offenbar völlig unbekannt: Es existiert kaum etwas, das weniger neutral ist als unbedeckte Haare. Und wieder entspricht die Unterscheidung zwischen einem bedeckten und einem unbedeckten Kopf der Frontlinie “Islam vs. Europa”. Dass eine Kopfbedeckung für Anderes als Unterdrückung stehen kann und steht, weiß oder akzeptiert Giffey nicht. Dass es divergierende Definitionen von Weiblichkeit und Selbstverwirklichung gibt, scheint ihr ebenso entgangen zu sein. Und dass Kopfbedeckungen in hunderten verschiedenen Formen, Bindungen, Farben und Stilen existieren, die jeweils für eine spezifische Praxis und Selbstidentifikation ihrer Trägerin stehen? Nichts. Ein Kopftuch ist ein Kopftuch ist ein Kopftuch. Trägt man eines, so fällt man in einen Topf namens Islam und in diesem Topf existieren keine unterschiedlichen religiösen islamischen Identitäten. Nur diejenigen, die kein Kopftuch tragen, genießen das Privileg der Differenzierung und Individualisierung. Sie werden nicht entlang religiöser und/oder ideologischer Kategorien identifiziert, sondern verkörpern die „Neutralität“, auf deren Boden Freiheit und Selbstbestimmung blühen.

Die vielleicht beunruhigendste Äußerung Giffey jedoch bezieht sich nicht auf das Kopftuch, sondern auf den Bereich zwischenmenschlicher Berührungen: „Ich erlebe selbst, dass muslimische Schüler mir aus Glaubensgründen nicht die Hand geben wollen, obwohl sie wissen, dass ich viel für ihre Schule getan habe“. Frau Dr. Giffey. Körperteile, die Teil der Intimsphäre sind, und deren Schutz und Verhüllung daher die körperliche Integrität sicherstellen, sind nicht überall nur Brüste und Genitalien. Berührungen zwischen Menschen, vor allem zwischen Frauen und Männern, sind nicht überall Teil eines selbstverständlichen, gesellschaftlichen Codes. Eine Person, die Ihnen nicht die Hand gibt, tut dies nicht um Sie zu missachten, sondern um die eigene körperliche Integrität zu wahren. Auch nicht-weiße, nicht-europäische, nicht-christliche Körper müssen vor ungewollten Berührungen (und Blicken) geschützt werden. Und es sind nicht Sie, die einen universal gültigen Standard dessen, was eine illegitime Berührung ist, festlegen.

flashmob

Flashmob der Salaam-Shalom Initiative anlässlich der Vereidigung Franziska Giffeys, Rathaus Neukölln, 15.04.2015

Im Newsletter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands steht am 30.04.2015 folgendes: Jede Nation hat ihre eigene Kultur, Vorlieben, Abneigungen und Gewohnheiten, die sie von ihren Vorfahren und ihrem geschichtlichen Hintergrund übernommen hat. Dies drückt sich in ihren Speisen, ihrer Kleidung und ihren Bräuchen aus. Auch das jüdische Volk hat eine eigene Kultur, die durch die Mitzwot der Tora gegeben sind und sich auch in Speisen, Kleidung usw. ausdrücken und uns so von den anderen Völkern abgrenzt. Unsere Weisen warnen uns, die Mitzwot nicht so zu betrachten wie andere Völker ihre Kultur ansehen. Wir befolgen die Gebote nicht zum Zweck einer nationalen Identität. Im Gegenteil, wir sollen sagen: „Ich würde gern essen, was die anderen essen und mich kleiden, wie sich die anderen kleiden, aber mein Vater im Himmel hat befohlen und ich muss gehorchen. Unser Befolgen der Mitzwot ist nie eine Frage von Nationalbewusstsein und beruht nicht auf gesellschaftlichem Konsens, sondern ist schlichtweg Ausdruck unseres Gehorsams gegenüber den Geboten der Tora“.

Weiß Giffey, dass auch Juden „in ihrer eigenen Welt und nach ganz anderen Regeln und Werten leben?“ Wahrscheinlich nicht. Und wenn sie es wüsste, würde sie dann jüdische Regeln und Werte ebenso verachten wie muslimische? Oder erwirkte die Ermordung europäischer Juden den heute in Europa lebenden Juden eine Art Aufschub? Was auch immer die Antwort: Die Ankunft ihres Schiffes in Neukölln scheint mir keine gute Nachricht.

[1] Neukölln wird in den letzten Jahren sehr viel mediale Aufmerksamkeit zuteil. Nicht, weil hier besonders aufsehenerregende Dinge passieren, sondern weil hier das deutsche Selbstbild im Angesicht seiner Antipode, dem Islam, ausgehandelt werden kann. Hier, in Neukölln, liegt Deutschlands gesellschaftliches Labor, wo „Grenzen der Toleranz“ und die Möglichkeiten der „Integration“ getestet werden. Der Rücktritt von Neuköllns Bürgermeister, und die Ernennung von dessen Nachfolgerin waren deshalb nicht nur im Neuköllner Stadtanzeiger, sondern auch in sämtlichen überregionalen Medien eine Schlagzeile. In keinem anderen Bezirk der Republik ist Kommunalpolitik eine Angelegenheit nationalen Interesses.
[2] Alle Zitate stammen aus einem am 01.04.2015 in der taz veröffentlichten Interview (http://www.taz.de/!157428/).

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