Nebenwirkungen

Jews are often viewed as symbols of all persecuted peoples: honoring lost Jews and their annihilated world can become a means of demonstrating democratic principles and multicultural ideals, regardless of how other contemporary minorities are treated, be they Turks, Roma, North African, or whatever.” (Ruth Ellen Gruber, Virtually Jewish: Reinventing Jewish Culture in Europe, University of California Press: 2002, p. 10)

sasha

Ein Bild, das deutsche Medien in letzter Zeit ziemlich gerne mögen, ist jenes der muslimisch-jüdischen Koexistenz. Und in Anbetracht der medialen Hetze, die gleichzeitig betrieben wird, ist dieses Bild natürlich nicht das Schlechteste, was uns in Deutschland passieren kann. Dieses Bild jedoch hat Nebenwirkungen:

Zum einen suggeriert es, dass sich in muslimisch-jüdischen Dialogprojekten diejenigen Muslime und Juden treffen, die kein „Problem“ miteinander haben. Hier stehen die „guten, netten“ Juden und Muslime, umringt von „Bösen“. Doch genau dieses Bild reproduziert jenes andere, übermächtige Bild, das einen Dialog überhaupt erst notwendig erscheinen lässt: Muslime sind keine Meute antisemitischer Barbaren, aus deren Mitte sich eine Handvoll leuchtender Ausnahmen in eine Synagoge wagt. Koexistenz ist die Norm, nicht die Ausnahme

Natürlich ist der Dialog nichtsdestotrotz legitim: Es ist interessant und wichtig mehr über den Alltag, die Feste und Riten der unmittelbaren Nachbarn zu erfahren. Jedoch sitzt der Dämon, der die Koexistenz gefährdet, nicht in Moscheen, sondern vor allem in deutschen Redaktionen: Wenn sich Journalisten auf jeden antisemitischen Vorfall stürzen, der bei „den Anderen“ zu lokalisieren ist, gleichzeitig aber die Probleme der Mehrheitsgesellschaft mit religiöser Differenz kaum thematisieren, dann ist hier keine um Objektivität bemühte Berichterstattung am Werk – sondern das Bedürfnis, Muslime unter Generalverdacht zu stellen und auszuschließen, einen ganzen Stadtteil zum antisemitischen Moloch zu stilisieren, und eine Reflexion und Revision des eigenen Weltbildes zu umgehen.

Das mediale Bild von Dialogprojekten gibt vor, dass Frieden etwas ist, was einfach so passiert, wenn sich ein paar „gute“ Juden und Muslime zusammenfinden. Jedoch ist Frieden nicht (nur) das Ergebnis von gutem Willen, sondern ein politischer Prozess, an dessen Anfang das Bewusstmachen (klaffender) Disparitäten steht: wir haben nicht alle den gleichen Zugang zu Ressourcen wie Bildung, Arbeit und sozialem Prestige – denn wir leben in einer Gesellschaft, in der (Deutungs-)Macht im Besitz einer weißen, akademischen, säkularen, meist männlichen, gehobenen Mittelschicht ohne „Migrationshintergrund“ ist. Dialogprojekte, die diesen Kontext ignorieren, offenbaren die Schattenseite des Friedensdiskurses: Wenn „Frieden“ nur ein medienwirksames Aushängeschild ist, dann dient der Dialog letztlich der Aufrechterhaltung des Status Quo: „Schaut her, Frieden ist möglich. Juden und Muslime müssen Vorurteile abbauen und erzogen werden“ – während das Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft unangetastet, selbstbewusst, und ohne den kleinsten Kratzer im Glauben an sich selbst bleibt.

Muslimisch-jüdische Dialogprojekte suggerieren eine Begegnung auf Augenhöhe – jedoch haben Juden und Muslime im öffentlichen Bewusstsein eine nicht im geringsten miteinander vergleichbare Position inne: Während das Wohlergehen deutscher Juden von Politik und Medien als ein Gut höchster Priorität deklariert wird, herrscht in Bezug auf die Situation von Muslimen eine seltsame Stille: Ein Aufschrei ging durch die Republik, weil Juden eine Baseballmütze über ihre Kippa schieben – doch gleichzeitig wurden muslimische Frauen mit Hijab ganz offiziell, ganz legal, durch das sogenannte Neutralitätsgesetz diskriminiert. Anti-muslimischer Rassismus ist aufgeklärte Islamkritik, Antisemitismus ist eine Schande. Natürlich ist das öffentliche Interesse an jüdischem Leben in Deutschland vor dem Hintergrund des Massenmords an den europäischen Juden völlig verständlich und legitim. Das gleichzeitige Desinteresse, die Missachtung, die Hetze gegen Muslime hinterlassen jedoch mehr als einen fahlen Beigeschmack: Befragt nach der Neuköllner Koexistenz, funktioniert die muslimische Stimme häufig lediglich als eine Bestätigung der jüdischen Stimme: Auf die Frage „wie gefährlich ist Deutschland für Juden?“ berichtet „der Jude“ wie gut es sich in Neukölln lebt, während „der Moslem“ diesen Bericht bestätigend abnickt. Muslime sind medial relevant, nur insofern sie die Sicherheit von Juden entweder bedrohen, oder mit ihnen in friedlicher Koexistenz zusammenleben. Die muslimische Existenz wird durch das Prisma der jüdischen Sicherheit betrachtet. Umgekehrt scheint auch anti-muslimischer Rassismus nur dann mediales Gewicht zu erlangen, wenn auf dessen Nähe zum Antisemitismus gezeigt wird: Anti-muslimischer Rassismus alleine reicht nicht“ – erst durch den Verweis auf die diskursiven Parallelen zwischen anti-muslimischen und anti-Semitischen Argumentationen, gilt das öffentliche Interesse auch anti-muslimischem Rassismus: Wäre die Beschneidung eine Praxis, die nur unter Muslimen verbreitet ist, so wäre es vermutlich zum Beschneidungsverbot gekommen. Gäbe es ein Bewusstsein dafür, dass auch Juden (manchmal) ein Kopftuch tragen, so wäre es vermutlich kaum zum Kopftuchverbot gekommen. Es scheint, als ob Muslime die Macht über ihre eigene Repräsentation verloren haben – es bedarf eines Juden, um anti-muslimischen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung zu einem Thema öffentlichen Interesses zu machen.

[Danke an einen anonymen Leser für das Feedback!]

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One Response to Nebenwirkungen

  1. “Muslime sind medial relevant, nur insofern sie die Sicherheit von Juden entweder bedrohen, oder mit ihnen in friedlicher Koexistenz zusammenleben.”… Wie wahr! Und jetzt moechte ich das Buch von Ruth ellen Gruber lesen.

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