Der Baumarkt und Ich

Als ich gegen 10:00 morgens durch das Eingangsportal des Baumarkts trapse, herrscht dort schon seit zwei Stunden reges Treiben. Der professionelle deutsche Heimwerker schwingt bereits ab 8:00 fleißig sein Hämmerchen. Er läuft auch nicht zu Fuß dorthin, sondern fährt mit einem kleinen Tender vor – so ein Farbeimer wiegt halt schon mal 20 Kilo und der Transport eines Brettes im BVG-Fahrstuhl gelingt nicht immer.

Der Baumarkt will nicht im herkömmlichen Sinne benutzerfreundlich sein. Er will die maskuline, professionelle Atmosphäre einer Lagerhalle ausstrahlen, alles ist überdimensional groß, symmetrisch, orangefarbene Schilder mit Pinselfont baumeln an Eisenketten von der Decke – da hat jemand mal so pro forma was hingekritzelt, obwohl der Fachkunde solche Schilder natürlich gar nicht braucht. Er möchte ein Shopping-Erlebnis, das ihn erinnert an alte Zeiten, als er mit seinen Kumpels in Papas Werkstatt Raketen baute, während wir fliederfarbenen Ponys die Mähnen kämmten.

Ich brauche eine Schraube mit einem Dübel, für eine bröckelige Altbauwand. Nachdem ich 5-mal den Gang auf und abgegangen bin, finde ich schließlich einen ca. 18-jährigen Praktikanten, Dominik, und schildere ihm so gut ich kann die Art Schraube, die ich suche. Ich weiß, dass ich hier fehlendes Fachwissen mit Charme ausgleichen muss. Dominik kneift die Augen zusammen und nuschelt in meine Richtung: „Da brauchen Sie 76itefhjböfjkj“. Ich verstehe ihn nicht, und frage nochmal nach. Ich verstehe ihn wieder nicht, und versuche die Strategie zu ändern: „Wo genau finde ich denn das?“ Er macht eine Bewegung mit der Hand und sagt: Da, neben po83z45io“. Ich ahne, dass das Gespräch nicht so gut läuft. Aber ich gebe nicht auf und versuche ihn mit positivem Elan zu motivieren: „Vielleicht ist es am besten wenn Sie mir direkt zeigen wo das ist?“ Er ist jetzt wirklich genervt, aber läuft trotzdem mit mir in einen Gang, zu einem Regal, und pult ein Tütchen mit Nägeln heraus.

Mein Gehirn überschlägt sich. Die Nägel sind ca. 15cm lang. Wenn ich sie in die Wand hämmere, dann werden sie unter Umständen eine Stromleitung oder ein Wasserohr rammen. Ich will aber nur ein Sandmännchen-Bild über Naomis Bett aufhängen, und es lohnt sich nicht, dafür mein Leben zu riskieren. Die Gefahr scheint unproportional höher als der eventuell eintretende positive Effekt. Ich muss schnell reagieren, denn sonst ist Dominik weg. Nur wenn ich ihm jetzt meine Bedenken mitteile…egal, ich versuche es. Ich sage ihm, dass mir dieser Nagel „eventuell etwas zu groß“ scheint, in Anbetracht der Leitungen, die sich in der Wand verbergen könnten. Er sagt: „Da könnten Sie Recht haben“. Ich atme tief ein und mache ein komisches Geräusch. Der Baumarkt ist nun nicht dafür verantwortlich, wenn ich mit meinem Nagel auf eine Stromleitung treffe oder einen Wasserrohrbruch verursache. Ist ja klar.

Nachdem Dominik auch seinen Vorgesetzten zu Rate geholt hat, stehe ich am Ende mit einer Kollektion verschiedener Nägel, Schrauben und Dübel an der Kasse. Sie kosten zusammen mindestens 20 Euro, und ich will doch eigentlich nur dieses eine kleine Sandmännchen-Bild aufhängen. Ich sage mir, dass man Schrauben ja immer mal braucht, ist kein rausgeschmissenes Geld. Ständig braucht man Schrauben. An der Kasse stehen noch andere Dinge, die man immer mal braucht, UHU-Kleber, Batterien…das soll Kunden wie mich beruhigen, und ihnen ein Gefühl der Selbstbestimmtheit wiedergeben. Aber so einfach ist das nicht, nein, den Gefallen tue ich Euch nicht, ich weiß schon warum die ganzen Baumarkt-Ketten in den letzten Jahren Pleite gegangen sind, denke ich, während ich 27,47€ für meine Nagel-Schrauben-Dübel-Kollektion bezahle.

Bauhaus-Neukoelln

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