Die Reisereportage der „Zeit“. Umrisse eines Genres

Die Zeit-Reisereportage ist ein journalistisches Genre, das, ähnlich wie die Literaturkritik, bestimmten, unveränderlichen Gesetzen folgt. Im Folgenden ein Umriss.

Grundsätzlich sind zwei Subtypen der Zeit-Reisereportage zu unterscheiden: In Typ 1 geht es darum, ferne Länder und Kontinente zu entdecken, in Typ 2 geht es um bis dato noch unbekannte Perlen der näheren Umgebung. In Typ 1 fliegen wir 12 Stunden in eine außereuropäische Großstadt, die wir dem Namen nach noch irgendwie kennen, driften von da aus aber mit einem Propellerflugzeug/Kanu/Kamel weiter ab in ein Dorf, von dem wir garantiert noch nichts gehört haben. Ähnlich gestrickt, aber in kleinerem Radius, ist Typ 2: Wir fahren auf der Autobahn Richtung Schwerin, biegen dann aber über eine Landstraße ab in einen Schleichweg, der uns zu einem Hof mitten im Moor führt. Beide Ziele sind nicht ganzjährig zu erreichen: Das Bächlein Nucarumba verwandelt sich in den Sommermonaten in einen reißenden Strom, der Schleichweg durchs Moor ist nach Regenfall nur noch mit einem Trecker zu erreichen. Nun gut: Der Weg ist das Ziel.

In beiden Typen der Reisereportage geht es um die Begegnung des akademisch gebildeten, mittelständischen Kulturschaffenden mit dem Unbekannten, evolutionstechnisch etwas hinterherhinkendem, aber dennoch wertvollem Anderen: Wir besuchen das Land, das “zwischen Tradition und Moderne” liegt, oder sich “im Aufbruch” befindet (Typ 1), oder (Typ 2): “die traditionelle Käsemanufaktur von Bauer Elmer”, “das Schnitzhandwerk der Werkstatt Rutzwühl”.

Hier und dort treffen wir auf Einheimische, die eine ihrer Herkunft entsprechende authentische Unberührtheit ausstrahlen. Sie haben meistens einfach nur einen Vornamen, begegnen uns mit naiver Freundlichkeit, und sind grundsätzlich mit einer Art Bauernschläue ausgestattet: Sie haben zwar nicht an der Uni Literaturwissenschaften studiert, jedoch hat sie das raue Leben im Bergdorf, das Eins-Sein mit der Natur, die Geschichten der Dorfältesten, weise gemacht. In einfachen Worten sagen sie Sätze, die uns in ihrer Schlichtheit berühren: “Ein verschmitzes Lächeln huscht über das faltige Gesicht von Juan/Wang/Mbombo, als er…tiefe Furchen graben sich um die Lippen von…”

Wir genießen das Privileg der Begegnung mit den Einheimischen, da wir selbstverständlich Individualtouristen sind: Wir lassen uns nicht wie die Unterschicht in das Feriendorf auf Fuerteventura kutschieren, nein, wir sitzen in der privaten Küche des traditionellen Käsebauern oder im Eselstall der Finca von Familie Rodriguez, ganz intim, da wir qua kulturellem Einfühlungsvermögen in der Lage sind, über unseren Tellerrand zu schauen und Kontakt mit den Unberührten aufzunehmen. Sie vertrauen uns, und freuen sich, dass wir uns für ihre Käsemanufaktur/ Kaffeerösterei/Kokospalmenplantage interessieren.

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Sowohl in Typ 1 als auch in Typ 2 muss es einen „Überraschungsmoment“ geben, etwas, das wir so nicht erwartet hätten, das uns herausfordert. Unser oberstes Ziel ist nämlich Bildung, auch im Urlaub! So eine Reise in die Pampa wäre komplett sinnlos, wenn wir dabei nicht die Gelegenheit zu subtiler Selbst-Reflektion bekämen: Unser Alltag als Kulturschaffende in der Großstadt lässt uns manchmal vergessen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Der Sternenhimmel über Mecklenburg-Vorpommern/der mongolischen Wüste überwältigt uns deshalb am Ende doch ein bisschen: „Vielleicht ist es das, was Juan/Wang/Mbombo uns auf den Weg geben wollte, als er…“

Nur am Rande sei angemerkt, dass der Leser, von dem die Zeit-Reisereportage ausgeht, ungefähr 10 Lichtjahre von uns selbst entfernt ist: Informationen zu Anfahrt und Unterkunft, in einer kleinen blauen Box am unteren Seitenrand angebracht, sind Bestandteile des Formats „Reisereportage“ und dienen dem Anschein der realistischen Umsetzung. De facto können wir aber gar nicht 10.000 Euro in die Anreise investieren, und de facto ist uns auch die Mecklenburger Käsemanufaktur pupsegal. Wir fühlen uns einfach kulturell dem Club sensibler Individualtouristen mit einem Haufen Geld und Bildung zugehörig.

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