Jakob Augsteins Kommentar und das “Kippa-Experiment”

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Am 18. April, kurz nach dem Angriff auf einen Kippa-tragenden Israeli, twitterte Jakob Augstein einen Kommentar, der schnell ein Welle der Empörung nach sich zog. Augstein, so hieß es, definiere das Tragen einer Kippa als eine Provokation; Juden sollten die Kippa also lieber absetzen. Der Status mache das Opfer zum Täter: ganz so wie Frauen manchmal nahegelegt wird, ihre Kleidung sei eine Provokation, die einen Angriff ja nur so auf sich ziehe, argumentiere Augstein, dass die Kippa-tragende Person den Angriff sozusagen selbst zu verschulden habe.

Das Problem ist, dass Augstein dies so nicht schreibt: Er beschreibt die Wirklichkeit, in der eine Kippa als eine Provokation genutzt wird und einen Angriff hervorruft, als eine gestörte Wirklichkeit, das heißt, er kritisiert zwei Dinge: Zum einen, dass eine Person die Kippa als einen Versuchsgegenstand benutzt und zum Anderen, dass die Versuchspersonen auf den Test reagieren, der Test also perfide „erfolgreich“ ist: Die gestörte Wirklichkeit, von der Augstein spricht, bezieht sich darauf, dass die Kippa im Rahmen eines Testes benutzt wird und der Test „funktioniert.“

Das Schwierige an Augsteins Post ist, dass sich seine Kritik nicht nur auf diejenigen bezieht, für die die Kippa offenbar eine Provokation ist, auf die sie gewaltsam reagieren. Die „gestörte Wirklichkeit“ bezieht sich auch auf denjenigen, der das Experiment durchgeführt hat und die Kippa aufsetzt „um mal zu gucken was passiert.“

Man könnte an dieser Stelle kritisieren, dass Augsteins Post damit die Kritik an dem Initiator des Versuchs, also des Opfers, in den Vordergrund rückt und sprachlich eine Art Mittäterschaft evoziert: „Gestört ist die Wirklichkeit, in der eine Kippa im Rahmen eines Versuches benutzt wird.“ Dabei würde Augstein mir wahrscheinlich zustimmen, dass, sofern es um das Verurteilen der Gewalt geht, es völlig egal ist, warum eine Person eine Kippa aufsetzt: unabhängig davon ob die Person jüdisch oder nicht jüdisch ist, ob sie einen „Test“ durchführt oder einfach nur ihre alltägliche Kopfbedeckung trägt, darf sie keinem Angriff ausgesetzt werden. Und trotzdem denke ich kann der Umstand, dass es sich um einen „Test“ handelte, thematisiert werden: In dem Moment, in dem eine Kippa im Rahmen eines Experiments getragen wird, wird sie auch als eine Art potentieller Reizstoff definiert. Dabei wird im Ergebnis natürlich genau dieser Reizstoffcharakter angeprangert, da idealerweise die Kippa ja eben keine Reaktionen hervorrufen sollte – gleichzeitig bleibt zumindest mir aber ein fader Geschmack, da soziale Versuche eine Realität eben nicht nur abbilden, sondern sie immer auch konstituieren. Das bedeutet nicht, dass der Initiator der Versuchs „Schuld“ an der ihm angetanen Gewalt trägt, aka „he was calling for it.“ Es bedeutet nur, dass eine Realität, in der die Kippa als ein Reizstoff eines soziologischen Experiments benutzt wird und funktioniert, tatsächlich deprimierend ist.

 

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One Response to Jakob Augsteins Kommentar und das “Kippa-Experiment”

  1. Lena says:

    Nichtsdestotrotz halte ich Augsteins Twitter-Kommentar ehrlich gesagt für problematisch und überflüssig. Er hätte besser darauf verzichten sollen, Derartiges kundzutun. Als prominenter Journalist hat er eine gewisse Verantwortung – und diese sollte er wahrnehmen, indem er offensiv für das Recht von Menschen eintritt, in der Öffentlichkeit eine Kopfbedeckung aufzusetzen, ohne Angst vor Angriffen haben zu müssen.

    Was ich allerdings einmal mehr interessant und bezeichnend finde, ist, dass der Umstand, dass sehr viele orthodoxe jüdische Frauen Kopftücher tragen, nicht erwähnt wird. Das fällt mir ohnehin seit Jahren auf: Von der Kippa ist – z. B. im Rahmen der berüchtigten so genannten “Kopftuch-Debatte” – immer mal wieder die Rede, die Kopftücher jüdischer Frauen werden hingegen ignoriert.

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