Erinnerungen an eine andere “Kippa-Demonstration”

Vor ein paar Jahren, ich glaube es war 2013, stand ich zusammen mit vielleicht 30 anderen Leuten im Nieselregen vor dem Rathaus Neukölln. Ich war damals Co-Organisatorin einer Demonstration, die sich gegen das Neutralitätsgesetz an staatlichen Schulen richtete, sprich: es ging um Religionsfreiheit für Menschen, die in ihrem alltäglichen Leben einen Hijab, eine Kippa, ein Kopftuch, oder was auch immer tragen. Ein paar Demonstrationsteilnehmer hatten eine Kippa auf dem Kopf, andere einen Hijab, andere gar nichts, egal. Wir hatten natürlich keine institutionelle Unterstützung oder prominenten Redner – das Rednerpult hatten wir am Vorabend aus Paletten konstruiert, die eigentlich der Unterbau des Bettes einer der Organisatorinnen war. Einige Passanten stellten sich zu uns – es gab Flyer auf Deutsch, Arabisch, Türkisch, Hebräisch und Englisch – aber viele wussten auch gar nicht, dass es so etwas wie das Neutralitätsgesetz überhaupt gibt: man denkt hier ja eh nicht an diese Berufe. Die gesamtgesellschaftliche Solidaritätsrate belief sich auf ungefähr 0,00001%. Wenn ich mich richtig erinnerte, berichtete das Stadtteilmagazin neuköllner.net über uns.

Warum ist die eine Demonstration so, und die Andere so? Warum ist die eine Demonstration eine vollkommen marginalisierte Veranstaltung, und die andere Demonstration ein mediales Großevent? Für mich zumindest ging es bei beiden Demonstrationen um ein und dasselbe: um innergesellschaftliche Solidarität, um Religionsfreiheit, darum, dass man sich auch als sichtbar jüdische oder muslimische Person in öffentlichen Räumen sicher aufhalten können sollte, ohne Schikane, ohne die Angst schief angeguckt zu werden, ohne strukturelle Diskriminierungen wie sie durch monokulturelle Neutralitätsideen entstehen.

Und doch scheint heute etwas anderes geschehen zu sein. Im Laufe der medialen Vorbereitungen zu „Berlin trägt Kippa“ wurde die Kippa – und nur die Kippa – immer mehr zu einem Symbol, das stellvertretend für „unsere Demokratie, unsere Werte“ steht. Das heißt, es ging eigentlich nicht mehr um Religionsfreiheit, die ja notwendigerweise auch z.B. kopftuchtragende Frauen eingeschlossen hätte, sondern um die Kippa als Ausdruck der westlichen Zivilisation, eine Art Antithese zu – klar, den Kopftuchträgerinnen und deren barbarischen Männern. Das bedeutet nicht, dass dies die Intention der Organisatoren war, dass dies die Absicht aller TeilnehmerInnen war, dass dies zwingend so ist, wenn eine „Kippa-Demonstration“ ausgerufen wird. Es bedeutet aber, dass die Anerkennung der Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit einer Minderheit sich erstmal nur darauf stützt, dass diese Minderheit als Symbol von „uns“ – unserer Demokratie etc. – gelesen werden kann. Es geht nicht mehr darum, dass eine Jude als Jude, sondern ein Jude als Ausdruck von deutscher Staatsräson eine Kippa tragen kann.

Natürlich liegt der Umstand, dass eine gewisse Schutzbedürftigkeit speziell von Juden in Deutschland anerkannt wird, an der Erinnerung an den Holocaust, und es war genau diese Erinnerung, die der Religionsfreiheit von Juden und Muslime hierzulande auch schon zu Gute kam: Als die Beschneidungsdebatte 2012 ausbrach, erklärte Angela Merkel, dass es einfach nicht sein könne, wenn „wir das einzige Land sind, in dem Juden ihre Religion nicht praktizieren können.“ Die Erinnerung an den Holocaust kann also eine Form der politischen Gnade hervorbringen, in deren Windschatten andere Minderheiten sozusagen unbemerkt mitsegeln können – genau deshalb hätte die AfD ja auch so gerne einen „Schlussstrich“. Trotz des Schutzes, der die Erinnerung ermöglicht, löst sie jedoch einige grundlegende Problem nicht: Was passiert, wenn die Erinnerung verblasst? Was passiert mit all jenen, die diese Form der politischen Gnade nicht aufrufen können? Warum muss eine muslimische Frau, um für ihren Hijab eintreten zu können, über den Hijab eine Kippa stülpen, oder in anderen Worten: Was bedeutet es, wenn ich – um ein Argument für meine Religionsfreiheit zu machen – zu einem Symbol „unserer Demokratie“ werden muss, und zu einem Symbol „unserer Demokratie“ scheinbar auch erst nach einem Genozid werde? Warum ist die eine Demonstration so und die Andere so?

Tagesspiegel 25.04.2018

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